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Testival eines Sonntagsflieger
Nach fünf Jahren wird es Zeit, sich wieder mal nach einem neunen Schirm umzusehen, doch bevor ich mit meinem persönlichen Testival beginne noch ein paar Worte zu mir, dem Sonntagsflieger. Als Sonntagsflieger definiere ich Piloten, die es aus persönlichen Gründen nicht schaffen, ihre Flüge auf die fliegbaren Tage zu legen. Im jährlich wiederkehrenden Zyklus fallen diese guten Flugtage immer auf Arbeitstage, Familienunternehmungen, Arztbesuche, angeordnete Überstunden, nicht aufschiebbare Reparaturarbeiten an Haus und Wohnung oder andere Verpflichtungen. Sonntagsflieger sind froh sind, wenn das Wetter wenigstens an den freien Wochenenden einen Flug hergibt. In einem guten Jahr können somit 30 bis 40 Zeilen im Flugbuch gefüllt werden. 75% dieser Flüge liegen dabei unter 60 Minuten. Bei dieser Anzahl an Flügen muss der Familienurlaub natürlich mit dem Fluggebietsführer geplant werden. Wer sich den ganzen Aufwand und die dabei entstandenen Kosten vor Augen hält, muss eine große Ignoranz gegenüber dem eigenen Bankkonto besitzen. Aber man kann es nicht lassen – Gleitschirmfliegen es ist und bleibt eine Leidenschaft. Als ich mit der Gleitschirmfliegerei 1986 angefangen habe, gab es nur einen einzigen Schirm, den Randoneuse Maxi, die Sache mit der Schirmauswahl hatte sich von selbst erledigt. Es folgte ein Jaguar, ein Zenith, ein AeroLogic, ein Sonic, ein Vector und letztendlich ein Dragon1. Wie gesagt, nach fünf Jahren Dragon1 wird es Zeit sich wieder mal in der Szene etwas genauer umzusehen. Das größte Problem für mich ist die Klassifizierung der Schirme, was letztes Jahr noch ein gutmütiger 1-2 war, bekäme in diesem Jahr, durch angepasste und geänderte Prüfungskriterien wohl eine ganz andere Klassifizierung. Gerade im Startverhalten kann ich keine Unterschiede in der Beurteilung von Schirmen erkennen. Ein 1er-Flügel erhält die gleichen Kommentare wie ein Flügel der im Startverhalten eine 1-2 erhalten hat. Warum muss alles so kompliziert und undurchsichtig sein? Wie soll ich so als Sonntagsflieger etwas passendes für mich finden? Hier mal meine Vorgehensweise: Testival’s der Hersteller sind zwar eine feine Sache, aber einen Schirm nach einem Flug meistens dazu noch in einem unbekannten Fluggebiet zu beurteilen ist sehr schwierig oder einfach nicht möglich. Mehrere Testflüge am Hausberg in bekannter Umgebung lassen die Chancen einer gerechten Beurteilung des Flügels doch steigen. Abstiegshilfen, Startverhalten, Starthandling und natürlich das Design, ja ich bin eitel, sind für mich die wichtigsten Kriterien. Das Extremflugverhalten der Schirme auszutesten überlass ich lieber den Profis und entnehme die Reaktionen der Flügel lieber aus Test- und Prüfprotokollen. Es muss also eine Flugschule her, die eine genügend große Auswahl an Schirmen hat. Nach mehreren Gesprächen hab ich dann meinen Favoriten gefunden. Fünf verschiedene Hersteller und fast alle Typen in verschiedenen Größen vorrätig. Was nicht am Lager ist wird bestellt. Hört sich gut an. Doch was such ich überhaupt’s für einen Schirm?
Keine Ahnung was ich will. Also anders rum Wie und wo fliege ich als Sonntagsflieger: Anzahl der Flüge pro Jahr: 20-40 Am Hausberg: 80% Thermik: ja Strecke: wird durch den Zufall bestimmt. Alpinstarts: ca. 5 Flüge pro Jahr Was habe ich an vorhandener Ausrüstung: Gurtzeug: Groß und schwer (6Kg) Elektronik: Vario m. Höhenmesser Rucksack: Tourentauglich. Bergsteigerschirm und Leichtschirm scheiden auf Grund meines schweren Gurtzeuges schon mal aus. Was nützt mir ein leichter und mit kleinem Packmaß versehener Schirm, wenn das Gurtzeug den erkauften Vorsprung wieder vernichtet. Es verbleiben also noch:
Eine gutaussehende 2-Sichel lässt zwar auf ein erhöhtes ansprechverhalten der Landeplatzweibchen schließen, aber da müsste ich erst mal an meiner Figur arbeiten. Ein Schirm der Klasse 2 taugt eigentlich nur zum Streckenfliegen und da ich 80% meiner Flüge am Hausberg abkurble fällt diese Kategorie ebenfalls weg.
Es verbleiben also noch:
Fehlerverzeihende Schulschirme sind meisten um alle Achsen sehr gedämpft und ein bisschen Spaß soll es ja auch noch machen. Es verbleiben also noch:
Wenn ich nach einem Flug am Landeplatz stehe und vergleiche wer mit welchem Schirm mit mir ungefähr zur selben Zeit gestartet und gelandet ist erkennt man fast keinen Unterschied zwischen den Schirmkategorien. Ein Highend 1-2 , geflogen von einem Sonntagsflieger, steht fast genau so schnell am Boden wie ein Pilot der einen „1er“ fliegt. Ob die im Minutenbereich verlängerte Flugzeit das fehlende Plus an passiver Sicherheit eines Highend 1-2 aufhebt wage ich zu bezweifeln.
Es verbleiben also noch:
Low-Level 1-2, der Name allein ist schon ein Favorit für das Unwort des Jahres. Die Bezeichnung „wendiger 1er“ ist aber auch nicht viel besser. Egal probieren geht über studieren und nur so kann man wirklich erfühlen ob einem der ausgewählte Schirm zusagt oder nicht. So, nun die von mir geflogenen Schirme und deren Beurteilung. Bitte bedenkt aber, dass die Beurteilung der Schirme nicht auf festgelegten Prüfkriterien, sondern rein auf meinen bescheidenen Sonntagsfliegerkenntnissen beruht.
Resümee: Wenn Ihr ebenfalls mit dem Gedanken spielt einen neuen Schirm zu kaufen sucht euch einen kompetenten, fairen und ehrlichen Partner als Gegenüber aus. Ein neuer Gleitschirm kostet mittlerweile ein kleines Vermögen und ein Fehlkauf auf Grund einer überzeugenden Schirmpräsentation des Verkäufers kann man sich nicht leisten – Na ja, ich zumindest. Aus meiner Erfahrung kann ich euch folgende Tipps dazu geben um einen seriösen Partner zu finden. • Schirmempfehlungen sollten nicht mit einer Werbeverkaufsfahrt in fremde Fluggebiete verknüpft werden. Zu groß ist hier der Druck etwas zu kaufen, was man eigentlich gar nicht möchte. • Geräte die für einen Probeflug ausgeliehen werden, sollten bereits eingeflogen sein und nicht aus der gerade eingetroffenen Transportkiste aus Fernost entnommen werden. • Euer Gegenüber, die Flugschule, sollte den von euch ausgewählten Schirm schon selbst geflogen sein – wie soll man sonst ein Urteil abgeben können – Prospekte können wir selbst lesen. • Bei Problemen mit einem Testschirm, sei es beim Start, bei der Landung oder beim Flug sollte der Fluglehrer oder die Flugschule Unterstützung leisten und einem die evtl. gemachte Fehler erklären und Kommentare wie „kein Schirm für Grobmotoriker“ oder ähnliches für sich zu behalten. Solche „coolen“ Ausdrucksweisen haben nur den Zweck den potentiellen Käufer zu Verunsichern und damit unter Kaufzwang zu setzen, denn wer will schon als ungeeignet für einen bestimmten Flügel dastehen. Natürlich erwartet die Flugschule oder der Hersteller, dass man ausgeliehene Schirme in einwandfreien Zustand, vollständig und mit kompletten Zubehör wieder zurückgibt. Der Firmeninhaber eines Herstellerbetriebes erzählte mir, dass sogar Kleinigkeiten wie 10x10 cm große Reparaturflicken für das Gleitsegel bei der Rückgabe des Testschirmes verschwunden sind. Wir brauchen uns also nicht zu wundern, wenn das Misstrauen und die Formalitäten einen Testschirm zu bekommen immer größer werden. Auch finde ich es völlig korrekt, wenn die Flugschule eine Leihgebühr für einen Probeflug mit dem ausgesuchten Gerät erhebt. Beim Kauf des Gerätes lässt sich das bestimmt Gegenrechnen. Ich hab meinen 1er-Traumflügel gefunden und bereits ein paar höherkategorisierte Schirme am Hausberg ausgekurbelt.
Walter
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